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Pasta all'infinito Pasta all'infinito
Meine italienische Reise in die Mathematik

268 Seiten mit 1 Karte und zahlreichen Abbildungen. Leinen
DM 38,– / sFr 35,– / öS 277,–
ISBN 3-406-45404-6
Verlag C.H.Beck, 2. Auflage 2000.


Was ist Unendlichkeit? Läßt sich überhaupt etwas über sie sagen? – Dies ist der Bericht eines jungen deutschen Mathematikers, der sich zu einem Forschungsaufenthalt in das ihm unbekannte Italien begibt, um sich dort mit einigen italienischen Kollegen dem rätselhaften Thema des Unendlichen zu widmen. Herausgekommen sind dabei unübliche Einblicke in den Wissenschaftsbetrieb, eine Liebeserklärung an ein fremdes Land und eine in vielerlei Hinsicht überraschende Einführung in eines der geheimnisvollsten Themen der Mathematik und Philosophie: die Unendlichkeit.

zur italienischen Ausgabe

Leseprobe Kapitel 1:
Il riscaldamento è rotto.
Das sagte er allerdings erst, als wir im Auto saßen. Und wenn ich gewußt hätte, was das bedeutet, wäre ich vielleicht doch zu Hause geblieben.

Heute morgen begann das Abenteuer wirklich. Kaltes Februarsudelwetter, Fahrt von Mainz zum Frankfurter Flughafen, einchecken bei Alitalia, Wartesaal, Einstieg ins Flugzeug. Pünktlicher Start. Jetzt gab es kein Zurück mehr.

Um mich herum sitzen Touristen, die zum Bildungsurlaub nach Rom wollen. Sie haben Bücher über Italien als solches, das antike Rom, den Vatikan studiert und belehren sich nun begeistert gegenseitig. Ich habe nichts dergleichen gelesen, fühle mich aber diesen kindischen Erwachsenen unendlich überlegen, denn ich fliege nicht zum Vergnügen nach Italien, sondern beruflich. Meine erste Dienstreise mit dem Flugzeug. Und die erste, die nicht zu einer Tagung geht.

Alles begann im letzten Sommer. Auf einer entspannten Tagung in Passo della Mendola in der Provinz Trento, die von der Università cattolica di Brescia veranstaltet wurde, nahm mich in einer Kaffeepause ein deutscher Kollege, der gut Italienisch spricht, zur Seite. Zwei italienische Kollegen, eine Frau und ein Mann, hätten ihn angesprochen und gebeten, den Kontakt mit mir herzustellen. Ich sagte, kein Problem, und einen Augenblick später saßen wir zu viert an einem kleinen Tischchen. Als erstes bestellte der italienische Kollege nochmals vier Tassen Kaffee. Dann stellten sie sich vor (Namen und Ort hatte ich sofort wieder vergessen) und erklärten mir gestenreich (bzw. ließen dolmetschen), daß sie meine Arbeiten gelesen hätten, diese bewunderten und gerne mit mir zusammenarbeiten wollten. Dazu schlugen sie vor, daß ich als professore visitatore einige Zeit zu ihnen kommen solle; Kosten würden übernommen.

Da sich mein Italienisch auf pizza, sole, mare und ciao beschränkte, mußte ich mir diese Informationen aus dem Schwall von Worten und Gesten und der kurz angebundenen Übersetzung meines Kollegen zusammenreimen.

Ich war durch das Lob korrumpiert und sagte begeistert und Ieichtsinnig zu, im nächsten Frühjahr für sechs Wochen zu ihnen zu kommen. Diese Zeit eignet sich ideal für solche Besuche, da dann in Deutschland Semesterferien sind, während die Italiener durcharbeiten und erst im Sommer frei haben, dafür dann aber ganz lange.

Ich setzte meine Unterschrift auf ein paar Formulare, aus denen ich wenigstens entnahm, daß es sich um die Universität in L'Aquila handelte - und hatte spätestens, als ich wieder zu Hause war, die Details wieder vergessen. Meiner Frau erzählte ich beiläufig davon; sie schien den Plan sofort in die Rubrik «deine üblichen Spinnereien» abzulegen, und ich widersprach nicht.

Aber dann erhielt ich im Winter einen dicken Brief meines Kollegen Franco (so hieß er), in dem er die Einladung bestätigte und einige Vorschläge über gemeinsame Forschungsprojekte machte. Daraufhin bestellte ich ein Flugticket nach Rom, und wenige Tage vor dem Abflug erhielt ich einen Brief, in dem genau beschrieben war, wie man nach L'Aquila kommt: Vom Flughafen mit dem Bus bis zum Hauptbahnhof in Rom, von dort zu Fuß bis zur Piazza Esedra, von dort mit dem Bus (ca. 2 Stunden) nach L'Aquila.

Die erste Etappe hatte ich hinter mir. Ich war auf dem römischen Flughafen Fiumicino angekommen, hatte mich in eine lange Schlange eingereiht, meinen Personalausweis gezeigt und stand jetzt in der Gepäckhalle. Es war warm, zu warm für Pullover und Mantel.

Mein Koffer war nicht der letzte, aber fast. Ich stopfte den Mantel noch in den Koffer und machte mich auf die Suche nach dem Bus, der mich nach Rom bringen sollte. Ich schaute mich um, sah aber keine Hinweisschilder oder Piktogramme.

Wenigstens sah ich einen Schalter, an dem Leute Tickets kauften. Ich stellte mich an, und als ich dran war, sagte ich «Roma» und hielt dem Kartenverkäufer einen 10000-Lire-Schein hin. Ich hatte keine Chance, seine Frage zu verstehen, antwortete aber dennoch mit «Roma», worauf er resignierte und mir einen Fahrschein und Wechselgeld aushändigte.

Ich folgte den anderen Fluggästen und ging mit Koffer und Tasche vor die Flughafenhalle und wußte plötzlich: Jetzt bist du in Italien: Sonne, Palmen, Autos, Menschen; Licht, Bewegung, Lärm.

Viele Busse, Leute, die nur Italienisch redeten, und kein Hinweisschild. Ich sah Touristen, die offenkundig ebensowenig Bescheid wußten wie ich. Also fragte ich in primitivstem Gastarbeiteritalienisch «Bus Roma?» Nach dem dritten Mal war ich mir einigermaßen sicher, daß hier irgendwann ein Bus ankommen würde, der mich nach Rom bringt.

Tatsächlich erschien nach einiger Zeit ein klappriger Bus. Ich verstaute meinen Koffer im Gepäckraum und suchte mir einen Platz im heißen Bus. Der Busfahrer wartete, bis auch der letzte Platz besetzt war. Dann schlug sein ebenfalls uniformierter Kollege mit Schwung die Türen der Gepäckfächer zu, und der Bus setzte sich geräuschvoll in Bewegung.

Alle unterhalten sich, und mir wird bewußt, daß ich kein Wort verstehe. Wie wird das in L'Aquila werden? Ich werde mich wohl meinem Kollegen anvertrauen müssen; da die internationale Wissenschaftssprache Englisch ist, mache ich mir keine allzu großen Sorgen. Vielleicht wird es im Alltag etwas schwieriger, aber irgendwie werde ich's hinkriegen. Meine Hoffnung auf problemlose Kommunikation auf englisch sollte sich allerdings als trügerisch herausstellen.
[...]

Bald sind wir auf der Autobahn, und der Bus fährt so gleichmäßig ruhig, daß auch ich ins Dösen gerate, zumal es inzwischen auch dunkel geworden ist.

Ich hatte mich gewundert, daß meine Mitreisenden dicke Wintermäntel anhaben. Vielleicht hat meine Frau ja doch recht: Bis vor zwei Tagen hatte ich mit Italien nur Sonne und Meer assoziiert. Dann hatte Monika im Atlas nachgeschaut, wo denn dieses L'Aquila liegt. Und siehe da: In unmittelbarer Nähe des Gran Sasso d'Italia mit fast 3000 m Höhe. Da hatte ich, obwohl ich schwere Koffer hasse, noch meinen dicken Winterpullover, warme Unterwäsche und Wollsocken eingepackt.

Daß dies die richtige Entscheidung war, merke ich daran, daß es trotz der Dämmerung draußen nicht recht dunkel wird: Hier liegt Schnee! Und je weiter wir fahren, desto mehr.

Ich schrecke aus meinen schläfrigen Gedanken auf: Was wird eigentlich in L'Aquila passieren? Ich bin zwar der Überzeugung, daß ich abgeholt werde aber sie wissen doch gar nicht genau, wann ich komme. Ich habe die planmäßige Ankunftszeit des Flugzeugs mitgeteilt, die ist jedoch jetzt schon längst Vergangenheit. Im Augenblick kann ich aber ohnedies nichts machen und ergebe mich in mein Schicksal. Ich schlafe fast ein und werde erst wieder richtig wach, als vor uns die Lichter einer großen Stadt auftauchen und der Bus an der Ausfahrt L'Aquila ovest die Autobahn verläßt.

Obwohl es jetzt schon richtig dunkel ist, herrscht Leben in der Stadt. Und es liegt Schnee. Eine große Menge dick eingemummter Menschen geht langsam und scheinbar ziellos hin und her. Kurz vor der Endhaltestelle kommen wir auf eine breite Straße, auf der die jungen Leute dichtgedrängt gehen, stehen und reden. Eine Demonstration? Nein, die Leute sind freundlich und entspannt; die Bewegung der Menge ist nicht auf ein gemeinsames Ziel gerichtet, sondern erinnert eher an die Brownsche Molekularbewegung.

Bevor ich dieses Rätsel lösen kann, hält der Bus. Endhaltestelle. Alles aussteigen. Und niemand da. Genauer gesagt: Es wimmelt von Leuten, die in Gruppen zusammen stehen oder gehen und angeregt miteinander reden. Aber niemand kümmert sich um mich. Wo ist Kollege Franco? Würde ich ihn überhaupt erkennen? Ich erinnere mich: Bart und schwarze Haare. Aber so sehen hier mindestens hundert Männer in seinem Alter aus.

Jedenfalls würde er mich erkennen. Denn so einsam, mit einem schweren Koffer und einer Tasche beladen, steht sonst keiner da. Um so beunruhigender, daß niemand da ist. Nachdem ich einige Minuten ohne Erfolg gewartet habe, schaue ich mich nach einer Telefonzelle um. Da, in der Bar! Ich schleppe Koffer und Tasche hinein, krame ein 100-Lire-Stück aus meinem Geldbeutel und wähle die Nummer meines Kollegen.

Es läutet. Jemand nimmt ab. Eine Frau, wahrscheinlich Luigia, Francos Frau. Ich versuche (auf englisch) zu schildern, daß ich in L'Aquila bin. Sie unterbricht mich aufgeregt und erklärt mir irgend etwas. Ist das Italienisch, oder soll das Englisch sein? jedenfalls verstehe ich kein Wort. Panik! Wie soll ich mich da zurechtfinden? Wenn es früher am Tag wäre, würde ich einfach wieder zurückfahren.

Ich versuche nochmals zu schildern, wo ich bin. Da, plötzlich sehe ich ein Gesicht durch die beschlagene Scheibe der Bar stieren. Franco!

Ich werde seinen Körperausdruck nie vergessen: Gehetzt, im offenen, kamelhaarfarbenen Mantel, das bärtige Gesicht vorgestreckt, offenbar genau so verzweifelt auf der Suche nach mir wie ich nach ihm. Und er ist genauso erleichtert wie ich, aIs er mit ausgebreiteten Armen auf mich zugestürmt kommt und mich mit einem herausgeschrieenen «Albreckt!» begrüßt.
[...]

Wir sind schon ein paar Minuten unterwegs. Da fällt der ominöse Satz «II riscaldamento è rotto».
Mir ist eigentlich egal, was er sagt, aber irgendwie will er mir mit diesem Satz etwas mitteilen. Ich mache also ein erstauntes Gesicht, und er wiederholt «II riscaldamento», dann macht er eine energische, abschließende Geste, «rotto!», und fügt dann auf englisch hinzu «Sorry». Ich habe nach wie vor keine Ahnung, was das bedeuten soll, und versuche, ihn zu beruhigen: So schlimm wird's schon nicht sein.

Die Straße wird einsamer, die Beleuchtung hört auf, wir verlassen L'Aquila. Nach wenigen Kilometern biegt Franco rechts ab, die Straße wird zum Weg, es geht nach oben, noch eine Rechtskurve, der Weg wird noch schlechter. Da halten wir vor einem Tor, Franco hupt, steigt aus, schließt das Tor auf, wir fahren durch den Eingang, Franco schließt das Tor wieder, dann fahren wir zwischen mannshohen Schneehaufen durch einen ziemlich großen Garten und halten schließlich vor dem Haus.

Wir steigen aus. Ein einsamer Garten. Stille, die nur durch das Gebell zweier Hunde unterbrochen wird. Das kann ja gut werden, vor Hunden habe ich noch mehr - nennen wir es: Respekt - als vorm Zahnarzt. Aber ich komme nicht zum Nachdenken, die Tür wird von innen geöffnet, und eine Frau kommt auf mich zu und begrüßt mich herzlich. Das muß Luigia sein. Sie gibt mir die Hand und sagt überschwenglich, auf englisch, aber mit sehr rauher Aussprache: «Welcome in L'Aquila!»

Ja, das muß die Kollegin Luigia sein. Ich erinnere mich schwach an die Begegnung im Sommer. Eine kleine, schmale Frau mit lebhaftem, intelligentem Blick. Später würde ich erahnen, daß sie auch ein konzentriertes Energiebündel ist.

Ich lege ab, und wir gehen in das nächstliegende Zimmer, offenbar Küche und Eßzimmer. In der Mitte des Raums ist ein offener Kamin, in dem ein großes Feuer brennt. Dort stehen auch die beiden Kinder und werden mir vorgestellt: Diana, die Tochter, ist etwa 16, der Sohn Luca ist 10 und hat noch kindliche Gesichtszüge. Beide wie ihre Eltern mit pechschwarzem Haar. Ich bin in einer echt italienischen Familie gelandet.
[...]

Sobald ich sitze, merke ich: Die Anstrengung war zu groß.

Jetzt, wo mir nichts mehr passieren kann, spüre ich die Entspannung, die Müdigkeit, das Abschaltenwollen. Luigia schöpft die Pasta aus, eine riesige Portion, ich kann es nicht verhindern.

Vom Essen bekomme ich nicht viel mit. Ich fühle mich wohlig, warm, satt; der Wein tut ein übriges. Wir versuchen, eine Konversation in Gang zu bringen; mein Beitrag besteht im wesentlichen darin, so zu tun, als würde ich alles verstehen.
[...]

Da schrecke ich aus meinen Träumereien am Kamin auf. Da war der Satz wieder: Il riscaldamento è rotto. Und plötzlich verstehe ich, eine warme Welle der Erkenntnis und der Scham überläuft mich. Deswegen brennen in den Kaminen so große Feuer, deswegen sitzen wir am Kamin, deswegen drücken sich auch die andern ganz nahe ans Feuer.

Caldo heißt warm, auch wenn es das Gegenteil zu bedeuten scheint, riscaldamento ist also die Heizung. Il riscaldamento è rotto: Die Heizung ist kaputt! Und das bei einer Außentemperatur von schätzungsweise -10°.

Schreck! Für Franco und Luigia ist dies nicht nur eine echte Sorge, sondern natürlich auch außerordentlich peinlich.

Und jetzt merke ich auch, wie kalt es eigentlich ist. Zwar ist mein Rücken warm, geradezu heiß, aber meine Füße sind trotz Wollsocken eiskalt. Ich tue so, als ob ich den Satz immer noch nicht verstanden hätte, mir selbst kann ich aber nichts vormachen. Es ist wirklich eiskalt. Ich weiß es. Und ich fühle es.

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 © christoph beutelspacher 2000