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"In Mathe war ich immer schlecht..." "In Mathe war ich immer schlecht..."

Berichte und Bilder
von Mathematik und Mathematikern
Problemen und Witzen,
Unendlichkeit und Verständlichkeit
reiner und angewandter,
heiterer und ernsterer Mathematik

Mit Illustrationen von Andrea Best

Verlag Vieweg
ISBN 3-528-06783-7
DM 32,--
2. erweiterte Auflage 2000

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Inhaltsverzeichnis


Zu Beginn

"... und was machen Sie beruflich?"

Das war die falsche Frage. Ich hatte mich seit einer Viertelstunde mit der freundlichen jungen Dame angenehm und angeregt unterhalten, wir hatten über dies und das, Politik und Politiker, Kunst und Kinder, Lust und Laune gesprochen, als sie, nicht einmal unfreundlich, diese Frage stellte.

Ich versuchte, dem Unglück auszuweichen, und antwortete betont beiläufig: "Ich arbeite an der Uni."

Aber das Schicksal nahm seinen Lauf: "Echt? Das ist aber interessant! Und in welchem Fachbereich?"

Aus, Schluß, Ende. Schade, denn die Frau war wirklich nett. Jetzt mußte ich mich outen, und dann, das wußte ich aus eigener Erfahrung und Erzählungen vieler Kollegen, würde die Verbindung unterbrochen sein. Noch ein kaltes Lächeln, ein paar Höflichkeitsfloskeln und aus. Aber es half nichts, und so bekannte ich tapfer: "Ich bin Mathematiker".

Ich wußte, was jetzt kam, und brauchte gar nicht mehr hinzuschauen. Sie würde zusammenzucken, ihr freundliches Gesicht würde sich verschließen, nur ihre gute Erziehung würde sie vor einem Wutanfall bewahren, sie würde stammeln "in Mathe war ich immer schlecht" und sich dann endgültig von mir abwenden.

"Warum schauen Sie so traurig?"

Wie bitte, was sagte sie da? "Entschuldigen Sie, ich war einen Augenblick lang abwesend."

"Das habe ich gemerkt." Sollte sie vielleicht zu den ganz wenigen gehören, die ...? Da sprach sie weiter:

"Wissen Sie, in Mathe war ich immer schlecht ..."

Na also. Ich wußte es. Auch sie. Niemand versteht mich. Aus.

"... und deswegen würde mich eigentlich interessieren, was Sie so machen."

Hör ich recht? Täuscht mich nicht mein Ohr?

Ich hatte den Eindruck, daß ich etwas erklären mußte. "Wissen Sie, es ist eigentlich immer so, daß sich die Leute sofort zurückziehen, wenn sie erfahren, daß ich Mathematiker bin. Ich werde komisch angesehen, wie wenn ich von einem anderen Stern käme, und jedes Gespräch hört auf."

"Hm. Ist das immer so?"

"Ganz furchtbar ist es mit den Politikern. Wenn ein Landrat oder ein Minister eine Mathematiktagung eröffnet, kokettiert er richtig damit, daß er schon in der Schule in Mathematik schlecht war und von unserer Wissenschaft rein gar nichts versteht. Ein Skandal! So ein Mann würde sich doch nie trauen, bei der Eröffnung eines Anglistenkongresses zuzugeben, daß er kein Englisch kann."

"Na, das klingt ja furchtbar. Aber ich kann die Leute schon verstehen. Jeder muß Mathe in der Schule lernen, aber keiner kapiert, was das ist, Mathematik. Von Bio, Kunst, Literatur weiß ich zwar auch nicht mehr viel, aber ich habe das Gefühl, zu wissen, um was es dabei geht. Sogar von Wissenschaften, die ich in der Schule nicht hatte, wie Jura und Volkswirtschaft, glaube ich, ein bißchen zu verstehen. Aber Mathe? Keine Ahnung. Eine Mauer. Und nicht mal die besten kommen durch."

"Und Sie meinen?"

"Ist doch klar. In der Schule mußte jeder eine Strategie entwickeln, wie er den Mathematikunterricht, in dem er keinen Sinn erkannte, einigermaßen überleben konnte. Und das hat er nicht vergessen. Auch wenn er Karriere gemacht hat."

"Aber das stimmt doch gar nicht", ereifere ich mich, "Mathematik ist voller Schönheiten, enthält Kulturleistungen ersten Ranges und hat viele praktische Anwendungen."

"Das mag ja alles sein", werde ich gebremst, "aber das weiß doch niemand. Kein Mensch weiß, was die Mathematiker eigentlich treiben, was Mathematik ist und was sie uns nützt. Das scheint wirklich eine Welt für sich zu sein."

"Aber jeder kann sich doch informieren, es gibt zahllose Mathematikbücher, in denen das drinsteht", verteidige ich mich.

Da wird sie fast ernst, schaut mich an und sagt: "Keine Ausreden! Ihr Mathematiker habt die Pflicht, uns zu erklären, was ihr macht. Nicht alles, aber doch soviel, daß wir anderen ein bißchen was verstehen. Das kann doch nicht so schwer sein. Ich will doch zum Beispiel auch nicht alle Einzelheiten der kontrapunktischen Technik von Johann Sebastian Bach wissen, aber wenn jemand darüber forscht, wird er mir bestimmt erklären, was er macht. Warum tut ihr Mathematiker das nicht?"

"Weil ... weil das doch niemand interessiert", stottere ich.

"Quatsch!" Jetzt wird sie energisch. "Im Gegenteil, ich kenne viele Leute, die endlich wissen wollen, was Mathematik wirklich ist, nachdem sie das in der Schule nicht mitbekommen haben."

"Sie meinen?"

"Ja, ich meine." Und dann lächelt sie: "Ich fänd's zum Beispiel schön, wenn Sie mir ein bißchen erzählen würden. Sie können das bestimmt gut. Es muß ja nichts so furchtbar Tiefsinniges sein. Womit beschäftigen sich Mathematiker überhaupt? Was forschen Sie? Gibt es noch Geheimnisse? Warum muß das eigentlich so unverständlich sein? Ich fänd's einfach nett, wenn Sie mal versuchen würden, mir ein bißchen auf die Sprünge zu helfen."

Ach! Ist das schön! Das ist ja fast zu schön!

Da meinte sie noch: "Es muß ja nicht sofort sein:"

... und damit blenden wir uns aus diesem Gespräch aus, denn seine unmittelbare Fortsetzung hatte nur wenig mit wissenschaftlicher Mathematik zu tun ...

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